MesmerMesmer wurde am 23.5.1734 in Iznang am Bodensee geboren und starb am 5.3.1815 in Meersburg am Bodensee

Stationen seines Lebens

Er war drittes Kind von Antonius Mesmer, Förster des Fürstbischofs von Konstanz, und seiner Frau Maria Ursula Michel. Nach naturnaher Kindheit besuchte er ab 8 die Volksschule, war zwischen 12 und 16 Jahren am Jesuitenkolleg zu Konstanz und dann bis zum 20. Lebensjahr an der Jesuitenuniversität in Dillingen. Danach, ab 1754, Studium der Theologie und des kanonischen Rechtes an der Bayerischen Universität zu Ingolstadt (der späteren LMU in München) mit Promotion in Philosophie. Ab 1759 Studium der Medizin an der Universität Wien. Unter seinen Lehrern in Wien waren Gerard van Swieten, Anton von Stoerck und Anton de Haen. 1766 Abschluss als Dr.med. mit der Dissertation „De planetarum influxu“, in welcher er die Grundlagen zu seinem späteren System des animalischen Magnetismus legte.

1768 Heirat mit der Witwe Maria Anna von Posch, Umzug in ein stattliches Haus an der Landstr. 261 vor den Toren der Stadt, in welches rer seine Arztpraxis verlegte und in welchem die Eheleute Mesmer prächtige Feste gaben und Musik von Haydn und Gluck aufführen ließen. Mit der Familie Mozart gab es enge Beziehungen; des jungen Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne wurde im September 1768 hier uraufgeführt.

1773-74 behandelte Mesmer hier die Patientin Franziska Österlin, die an einer Reihe von Symptomen litt, die man heute als hysterisch bezeichnen würde. Neben den konventionellen Mitteln eines Arztes der damaligen Zeit probierte er auch Stahlmagneten aus, deren Handhabung er über den k.u.k. Hofastronom Maximilian Hell kennen gelernt hatte. Am 28. 7. 1774 hatte seine Patientin durch die Magneten außergewöhnliche Erscheinungen – schmerzhafte „magnetische Ströme“. Mesmer hieß sie diese aushalten und legte noch zusätzliche Magneten an, was eine „Krise“ zur Folge hatte, die Patientin gesunden ließ.

Es folgte eine heftige Auseinandersetzung mit Pater Hell über die Erstentdeckungsrechte der heilenden Wirkung der Stahlmagneten, nachdem Mesmer Anfang 1775 in einem „Schreiben über die Magnetkur“ an einen auswärtigen Arzt verkündet hatte, dass es nicht so sehr die Wirkung der Stahlmagneten sei, sondern vielmehr ein „animalischer Magnetismus“, dessen Wirkung er im Prinzip schon 1766 in seiner Dissertation postuliert hatte, und den er nun durch seine eigene Person lenken könne.

Damit war Mesmer 1775 mit einem Mal berühmt geworden und wurde auch zu auswärtigen Behandlungen gerufen. Im Juli 1775 behandelte er einen Baron de Horka auf dessen Schloss in Rohow in der Slowakei, danach mehrere Kranke in seiner ehemaligen Heimat am Bodensee. Er hatte die Abhandlung über seine Magnetkur auch an verschiedene wissenschaftlichen Akademien Europas geschickt, aber nur aus Berlin und München Antwort erhalten. Die aus Berlin war abwiegelnd, aus München aber kam die Einladung, hier vorstellig zu werden und über die „geistlichen Operationen“ des Exorzistenpaters Johann Joseph Gaßner zu urteilen.

In den Jahren 1774-75 hatte Pater Gaßner mit seiner „mittelalterlichen“ Praxis und Theorie des Exorzismus zwischen den „altgläubigen“ Katholiken und den Aufklärern Deutschlands eine heftige Auseinandersetzung ausgelöst. Im Auftrag des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph und der neugegründeten Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde Mesmer nach München gerufen, um in der causa Gaßner zu urteilen. Dies geschah 1775, vermutlich nach der Bodenseereise im August. Auf der Grundlage seiner „naturwissenschaftlichen“, aufgeklärten Theorie gab er überzeugende praktische Beweise in der Anwendung seines animalischen Magnetismus. Diese gutachterliche Tätigkeit Mesmers war ausschlaggebend, dass dem Pater Gaßner schließlich weitere öffentliche Auftritte verboten wurden. Am 28.11.1775 erhielt Mesmer für seine Verdienste die Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München.

Am 20.1.1777 nahm Mesmer die in früher Kinheit, vermutlich durch traumatische Einwirkungen erblindete Maria Theresia Paradis in seine Klinik auf. Die Patientin war damals etwa 18 Jahre alte und als blindes pianistisches Wunderkind schon sehr berühmt, ähnlich dem damals etwas jüngeren Mozart. Mesmer erreichte den Aufzeichnungen des Vaters zufolge eine erste Heilung der Blindheit, sah sich aber unmittelbar mit den Auswirkungen des sekundären Krankheitsgewinnes konfrontiert: Sehend konnte die Patientin nicht mehr so gut Klavier spielen – das vorher rein taktil-kinästhetische Muster war nun durch visuelle Reize gestört – und war nicht mehr die gleiche Attraktion wie zuvor. Damit war ihr Einkommen und das ihrer Familie gefährdet, die mit Hilfe von Gutachten und amtlichen Verfügungen schlussendlich erreichten, dass das Fräulein Paradis einen profunden Rückfall erlitt und am 8.6.1777 Mesmers Klinik verlassen musste. Mesmers Ruf in Wien war nun erheblich angeschlagen, man hatte ihn sogar des Betruges bezichtigt.

Die zweite Hälfte des Jahres 1777 muss für Mesmer eine Zeit harter innerer Auseinandersetzungen und schließlich der Selbstfindung gewesen sein, die ihn jedoch von seinem Ziel und seiner Idee, eine bahnbrechende Entdeckung zum Wohle der Menschheit gemacht zu haben, nicht abgebracht hat. Am 28.1.1778 fuhr er von Wien nach Paris, wo er am 23.2.1778 eintraf und sich an der Place Vendôme, nahe den Tuilerien mit seiner Praxis niederließ. Im vorrevolutionär aufgeheizten Paris verbreitete sich sein Ruf sehr schnell, so dass er Gruppenbehandlungen um das Baquet, den „Gesundheitszuber“ einführte: Eine mit Eisen- und Magnetstücken sowie mit Glas und Wasser gefüllte hölzerne Wanne wurde von ihm magnetisiert; aus dieser ragten Eisenstäbe heraus, die sich die Kranken direkt an affizierte Körperstellen legten. Im Mai 1778 verlegte er seine Praxis in das Dorf Créteil vor Paris, kehrte aber schon im August wieder zurück, um im Hotel Bullion in der Rue Coq-Héron ein großes magnetisches Etablissement mit Salons und Kabinetten zu eröffnen. Mesmer war der Arzt von tout Paris geworden. Er soll aber auch den Armen geholfen haben, indem er einen Baum im Park magnetisierte und den Mittellosen die Gelegenheit bot, sich über Hanfseile mit ihm zu verbinden.

Mesmers Hauptanliegen war aber nach wie vor die wissenschaftliche Anerkennung seine Heilverfahrens. Dieses Ziel strebte er auch über Beziehungen an, wie z.B. zu Charles d´Eslon, dem Leibarzt eines Bruders des Königs. D´Eslon wurde Schüler und eifriger Verfechter der Sache des Magnetismus; über ihn kam Mesmer auch mit anderen Ärzten in Kontakt und versuchte, sie von seiner Sache zu überzeugen und Kritik zu widerlegen. In diesem Zusammenhang entstand wohl sein erstes Buch „Mémoire sur la découverte du magnétisme animal“ (1779), ebenso das ausführlichere Buch von d´Eslon „Observations sur le magnétisme animal“ (1780). D´Eslon unterstützte aktiv die Bemühungen Mesmers um eine wissenschaftliche Anerkennung, hielt am 18.8.1780 vor der medizinischen Fakultät ein Referat über den animalischen Magnetismus und machte Vorschläge zu dessen Untersuchung. Er stieß jedoch auf völlige Ablehnung. Mesmer drohte 1781, Paris zu verlassen. Dies brachte seine inzwischen zahlreichen Anhänger dazu, für ihn zu streiten, und die Sache wurde an den Hof gebracht. Unter Vermittlung der Königin Marie Antoinette, Tochter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, wurden Kompromisse ausgehandelt, die Mesmer jedoch brüsk zurückwies, weil sie nicht genau seinen Vorstellungen entsprachen.

Mesmer war offensichtlich gekränkt, schrieb 1781 eine erneute Verteidigungsschrift, „Précis historique des faits relatifs au magnétisme animal jusques en avril 1781“, reiste in das Bad Spa nahe Lüttich, um eine neue Magnetanstalt zu eröffnen, kehrte aber bald wieder nach Paris zurück, wohl im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen mit d´Eslon, dem er Usurpation seiner Ideen und seiner Praxis vorwarf. D´Eslon hatte aber offensichtlich treu zu Mesmer gestanden, war erneut von der medizinischen Fakultät gemaßregelt und am 20.8.1782 schließlich aus dem Ärzteverzeichnis gestrichen worden. Im Juli 1782 wurde tatsächlich mit den Mitteln einer Marquise de Fleury in Spa eine neue Magnetanstalt eröffnet. Hier in Spa wurde gemeinsam mit dem Pariser Advokaten Nikolaus Bergasse und dem elsässischen Bankier Wilhelm Kornmann, beide aufgrund eigener Erfahrungen zu glühenden Anhängern Mesmers konvertiert, eine Ausbildungsgesellschaft für Magnetismus, die Société de l´Harmonie gegründet, für welche bald viele Mitglieder subskribierten, um gegen eine beträchtliche Summe in die Geheimnisse des animalischen Magnetismus eingeweiht zu werden (zu diesen Schülern zählten auch die Gebrüder  Puységur).

Wohl auf das beständige Betreiben von D´Eslon wurde schließlich auf Befehl König Ludwig XVI. am 16.3.1784 eine wissenschaftliche und am 5.4.1784 eine ärztliche Kommission zur Untersuchung des animalischen Magnetismus einberufen, unter deren Mitgliedern sich die bekanntesten Vertreter aus Medizin und Wissenschaft befanden. Die Untersuchungen, nicht bei Mesmer selbst sondern in seines Schülers d´Eslons Klinik durchgeführt, konnten keinen Hinweis auf eine physikalische Kraft ergeben und attribuierten die mit dem Magnetisieren erzielten Effekte u.a. auf Prozesse der Imagination (Bailly, 1784).

Damit war es mit der wissenschaftlichen Anerkennung vorbei; gleichzeitig aber hatte die Magnetismus-Bewegung schon eine solche Eigendynamik entwickelt, dass sie sich in Laienkreisen nicht nur in Frankreich, sondern bald über ganz Europa ausbreitete. Eine von Mesmer nicht autorisierte Veröffentlichung seiner Lehrsätze erschien seit 1785 in mehr als 16 Auflagen. Die Harmonische Gesellschaft eröffnete mehrere Regionalstellen, u.a. in Straßburg, Lyon, Bordeaux, St. Etienne und Santo Domingo (dem späteren Haiti). Von Straßburg sprang die Bewegung auf das nahe Karlsruhe über, kam von dort nach Heilbronn, Bremen und nach Berlin, und verbreitete sich auch in der Schweiz.

Mesmers Leben nach 1784 war unstet, insbesondere nach der Französischen Revolution von 1789. Im Juli 1791 kam er wieder nach Wien, um die Hinterlassenschaft seiner im Jahr zuvor gestorbenen Frau zu regeln. 1792 war er wieder in Paris und 1793 zurück in Wien, wo er im Zusammenhang mit der „Wiener Jakobinerverschwörung“ kurzzeitig verhaftet und dann in seine Bodenseeheimat abgeschoben wurde. Im schweizerischen Wagenhausen bei Stein am Rhein ließ er sich für 6 Jahre nieder, regelte 1799-1802 in Paris sein durch die Revolution dezimiertes Vermögen und gab 1799 ein neues Buch heraus: „Memoire de F.A. Mesmer sur ses découvertes“.

Danach war er wieder in der Bodenseegegend an verschiedenen Orten, u.a. in Frauenfeld, wo er von dem Schweizer Arzt Zugenbühler 1808 „wiederentdeckt“ wurde. Christoph Wilhelm Hufeland aus Berlin druckte diesen Bericht in seiner Zeitschrift Journal der practischen Heilkunde und fügte einen ausgesprochen wohlwollenden Kommentar an. Ein Jahr später besuchte ihn der Jenaer Naturphilosoph Lorenz Oken und stellte erstaunliche theoretische Übereinstimmungen zwischen ihrer beider Grundansichten fest. Er empfahl ihn an den Berliner Arzt und Naturphilosophen Johann Christian Reil, der Mesmer nach Berlin holen wollte; dieser aber lehnte ab und lud seinerseits Reil nach Frauenfeld ein. Reil setzte sich nun zusammen mit Hufeland in Berlin für Mesmer ein und empfahl eine "Kommission zur Prüfung des Magnetismus", welche 1812 unter der Protektion des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg und unter dem Vorsitz Hufelands ihre Arbeit aufnahm. Ab 1812 lebte Mesmer in Konstanz und ab 1814 in Meersburg, wo er am 5. März 1815 starb, vermutlich an einer durch ein Prostataleiden verursachten Urämie.

Der Berliner Arzt Karl Christian Wolfart war ein Mitglied der Kommission zur Prüfung des Magnetismus und besuchte Mesmer im September und Oktober 1812 am Bodensee. Dessen mündliche Unterweisungen fasste er zusammen und gab sie als „Mesmerismus oder System der Wechselwirkungen“ (Mesmer, 1814) heraus; dieses Buch ist noch rechtzeitig vor Mesmers Tod, gewissermaßen als sein Vermächtnis erschienen; kurz danach schrieb Wolfart noch seine eigenen "Erläuterungen zum Mesmerismus" (Wolfart, 1815). Das 1830 von der Gesellschaft für Naturforscher errichtete Grabmal ist bis heute auf dem Meersburger Friedhof zu besichtigen.

Wichtige theoretische Beiträge und Orientierungen:

(1) Zurückweisung von Gaßners Dämonologie: Mitte des 18. Jahrhunderts herrschte in den deutschsprachigen Ländern ein verwirrendes intellektuelles Klima verschiedener sich befehdender Strömungen zwischen Aufklärung und Besinnung, zwischen Protestantismus und Katholizismus. Dennoch dominierte der Gedanke der Aufklärung, und Gaßners Dämonologie war für die meisten nur mittelalterlicher Aberglaube, den es zu überwinden galt. Also versuchte man, Gaßners Heilerfolge als etwas Natürliches zu erklären und bemühte hierzu magnetische und elektrische Kräfte oder gar die Einbildungskraft. Gerade letztere war jedoch wissenschaftlich nicht mehr akzeptabel, denn sie wurde – im Gegensatz zur Zeit des Barocks davor und der Romantik danach – zu den vitalen und damit niederen Kräften des Menschen gerechnet. Mesmer lieferte in dieser verfahrenen Situation nicht nur eine passende, weil dezidiert aufgeklärt und naturwissenschaftlich erscheinende Theorie, sondern auch das geeignete Verfahren, Gaßners Theorie zu falsifizieren, denn er war in der Lage, auf Grundlage seiner Theorie die gleichen Phänomene hervorzurufen. Mesmers Gutachten vor der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wird gewöhnlich als der Beginn der modernen Psychotherapie angesehen.

(2) Theorie des animalischen Magnetismus: Weil Einbildung in der Zeit der Aufklärung also kein wissenschaftliches Prinzip mehr war, konnte sie in Mesmers „aufgeklärter“ Theorie auch keinen Platz finden, wohl aber das, was im 18. Jahrhundert wissenschaftlicher main stream war: Elektrizität, Schwerkraft und Magnetismus. Der Theorie nach zwar noch unverstanden, gab es schon erste physikalische und physiologische Experimente mit der neu entdeckten Elektrizität, und viele Ärzte wandten sie bereits an. Auch Mesmer war nicht nur mit dem Gebrauch von Hells Stabmagneten, sondern offensichtlich auch mit der Elektrisiermaschine vertraut. In Mesmers Beschreibung des animalischen Magnetismus kamen neben dem Magnetismus und der Elektrizität auch alle anderen „Imponderabilien“ des 18. Jahrhunderts vor, die Gravitation („gravitas animalis“), das Licht („materia luminosa“; 1766) und das Feuer („unsichtbares Feuer“ oder „Naturfeuer“; 1814); sein Nervenfluidum war in der ursprünglichen Konzeption ein das ganze Universum ausfüllender Äther, der als „Allflut“ im Körper bestimmter Menschen, wie z.B. bei Pater Gaßner oder bei ihm selbst konzentriert werden konnte, durch den Kontakt mit den Händen wieder ausgestrahlt wurde und so die Stockungen in den Nerven- und Körpersäften der Kranken auflösen konnte. Diese Ausstrahlung war ähnlich der unsichtbaren Kraft des mineralischen Magneten gedacht, aber eben von lebendiger Qualität, daher der Name animalischer (thierischer oder Lebens-) Magnetismus. Diese universale Theorie des „thierischen Magnetismus“ war aber auch zur damaligen Zeit weder neu noch außergewöhnlich. Der neuplatonische Gedanke einer planetaren Emanation, eines von den Himmelskörpern stammenden Partikel- oder Kräftestromes, der als spiritus mundi auch in den menschlichen Körper einfließt, findet sich schon in den iatromagnetischen und astromedizinischen Vorstellungen der geistesgeschichtlichen Vorläufer Mesmers wie Paracelsus, Helmont oder Kircher. Mesmers Theorie vom Einfluss der Gestirne auf den menschlichen Körper stand aber in Einklang mit der neuen Naturphilosophie des 18. Jahrhunderts, wie sie beipielsweise auch von Richard Mead in „De imperio solis ac lunae in corpora humana“ (1746) niedergelegt worden ist. Mead, Leibarzt von Isaac Newton und der englischen Königin Anne, hatte sich Gedanken gemacht über den Einfluss der Gravitation sowohl auf die Gezeiten als auch auf den menschlichen Körper und damit auf den Verlauf von Krankheiten; die Theorie Meads kann man in der Tat als Grundstock für das gesamte Gedankengebäude des orthodoxen Mesmerismus begreifen, angefangen von Mesmers Dissertation „De planetarum influxu“ (1766) über deren weitere Ausarbeitung bis hin zu den 333 Thesen für die Mitglieder der Societé d´Harmonie (1785) sowie zu den späten „Wechselwirkungen“ des Jahres 1814.

(3) Praxis des animalischen Magnetismus: In der therapeutischen Praxis des Mesmerisierens geht es also darum, den durch bestimmte Menschen wie z.B. Mesmer oder Gaßner akkumulierbaren animalischen Magnetismus auf andere Menschen zu übertragen, bei diesen an bestimmten Stellen zu verstärken, an anderen Stellen abzuschwächen bzw. insgesamt zu harmonisieren. Hierzu muss sich der Magnetiseur mit seinem Patienten „in Rapport setzen“, d.h. er muss physischen Kontakt zu ihm aufnehmen, ihn mit beiden Händen an der Stirn oder am Kopf berühren, und dann in gleichmäßigen Bewegungen knapp über der Körperoberfläche die Energie übertragen (die sog. Passes); oder er berührt mit seinem Finger oder einem Stab die erkrankten Körperteile direkt. Dieses Einzelverfahren wurde spätestens in Paris in ein Gruppenverfahren umgewandelt; hier magnetisierte Mesmer das Baquet (oder einen Baum) und die Patienten setzten sich nun über Eisenstäbe oder Hanfseile mit dem Baquet in Rapport und warteten, bis das überfließende Fluidum zur Wirkung kam. Diese Wirkung zeigte sich regelmäßig dadurch, dass die Patienten früher oder später von einer „Krise“ befallen wurden, zu verstehen als hysteriformes Agieren, wie es Mesmer noch in Wien bei seiner Patientin Österlin beobachtet hatte. In Mesmers Pariser Salon wurden die Patienten sodann von Helfern in „Krisenzimmer“ gebracht und dort betreut, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Diesen Krisen wurde die eigentliche heilsame Wirkung zugeschrieben, denn hierdurch zeigte sich das Eindringen des animalischen Fluidums in den menschlichen Körper und sein offensichtliches Wirken (heute würde man je nach theoretischer Orientierung entweder von kathartischen Reaktionen oder von Reaktionen auf Expositionen sprechen).

(4) Bewertung des animalischen Magnetismus: Im Gegensatz zu der Theorie des Exorzismus von Pater Gaßner entsprach Mesmers Theorie natürlich eher den vernünftigen und naturwissenschaftlichen Kriterien, die man in der Zeit der Aufklärung forderte. Allerdings konnte das postulierte Agens, der animalische Magnetismus, und die von ihm ausgehende Wirkunge nicht nachgewiesen werden. In den wissenschaftlich vernichtenden Urteilen von 1784 in Paris wurden im Gegenteil Alternativhypothesen aufgestellt, die u.a. auch die Imagination in Betracht zogen. Das Wirken mit Hilfe von Imagination war auch schon Pater Gaßner vorgeworfen worden, wird heute jedoch als ein wesentlicher Wirkfaktor von Hypnose angesehen. Dass Mesmer gerade die Imagination ablehnte und auf seinem ominösen animalischen Magnetismus als physikalischer Kraft beharrte, ist nicht der einzige Grund, weshalb man kritisch sein sollte, wenn Mesmer als Begründer der heutigen Psychotherapie angesehen wird. Im Gegensatz zu Pater Gaßner, der durchaus differentialdiagnostische Vorstellungen hatte, postulierte er eine physikalisch-physiologische Universaltheorie sowohl zur Entstehung wie auch zur Heilung von Krankheiten – er kannte also keine geistigen oder gar psychischen Ätiologien wie Pater Gaßner und später Mesmers Schüler  Puységur; Rapport wurde also nicht als menschliche, schon gar nicht als sprachliche Kommunikation angesehen, sondern lediglich als physikalischer Kontakt zur Übertragung des Fluidums – auch hiervon wich Puységur noch zu Mesmers Lebzeiten ab; und auch alle weiteren apparativen Maßnahmen in seinem Pariser Salon zeugen davon, dass er sich als streng naturwissenschaftlich denkender Arzt verstand und mit dem, was wir heutig als Psychotherapie verstehen, vermutlich nichts hätte zu tun haben wollen.

Wichtige Publikationen

  • Bailly (1784/2000) Exposé zu den Erfahrungen, die zur Untersuchung des animalischen Magnetismus gesammelt worden sind. Hypnose und Kognition, 17(1+2), 107-113.
  • Mesmer, F. A. (1766). Dissertatio physico-medica de planetarum influxu. Wien: Ghelen.
  • Mesmer, F. A. (1775). Schreiben über die Magnetkur von Herrn A. Mesmer, Doktor der Arzneygelährtheit, an einen auswärtigen Arzt. Wien: Joh. Kurzböck.
  • Mesmer, F. A. (1781/1985). Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus. Tübingen: edition diskord. (1985 Nachdruck der Originalausgabe Carlsruhe: Michael Macklot, 1781)
  • Mesmer, F. A. (1783). Kurze Geschichte des thierischen Magnetismus bis April 1781. Carlsruhe: Michael Macklot.
  • Mesmer, F. A. (1785). Lehrsäzze des Herrn Mesmer's so wie er sie in den geheimen Versammlungen der Harmonia mitgetheilt hat, und worinnen man seine Grundsätze, seine Theorie, und die Mittel findet selbst zu magnetisiren (hrsg. von Hrn. Caullet de Veaumorel, Hausarzt des ältesten Hrn. Bruders Sr. K. Maj.). Strasburg: Verlag der akademischen Buchhandlung. (franz. Original: Aphorismes de M. Mesmer, dictés à l'assemblée de ses élèves .... Paris: M. Quinquet, 1785)
  • Mesmer, F. A. (1814) Mesmerismus oder Systeme der Wechselwirkungen: Theorie und Anwendung des thierischen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhaltung des Menschen (hrsg. von K.C. Wolfart). Berlin: Nikolaische Buchhandlung. (reprint by E.J. Bonset, Amsterdam, 1966)
  • Wolfart, K. C. (1815). Erläuterungen zum Mesmerismus. Berlin: Nikolaische Buchhandlung.

Literatur

  • Bittel, K. (1940). Der berühmte Hr. Doct. Mesmer vom Bodensee (2. Aufl.). Friedrichshafen: Seeverlag.
  • Florey, E. (1995). Ars Magnetica. Franz Anton Mesmer, 1734-1815, Magier vom Bodensee. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.
  • Heydenreuter R (2000). Die Anfänge der Psychotherapie in Deutschland: Die kurbayerische Akademie der Wissenschaften und Mesmer im Jahre 1775. Hypnose und Kognition, 17(1+2), 19-34.
  • Kerner, J. (1856). Franz Anton Mesmer aus Schwaben, Entdecker des thierischen Magnetsmus. Frankfurt: Literarische Anstalt.
  • Kiesewetter, C. (1893). Franz Anton Mesmers Leben und Lehre nebst einer Vorgeschichte des Mesmerismus, Hypnotismus und Somnambulismus. Leipzig: Max Spohr.
  • Milt, B. (1953). Franz Anton Mesmer und seine Beziehungen zur Schweiz. Zürich: Leemann.
  • Peter B (1995) Magnetismus und Immoralität oder das schnelle Ende des Magnetismus in Berlin um 1819/20. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 45(8) 266-267
  • Peter, B. (2000). Zu den Anfängen der Hypnose und Psychotherapie in München 1775. Hypnose und Kognition, 17(Supplement), 251-257 (auch veröffentlicht in ÖGATAP-Info, 4/99, 10- 11 sowie 1/00, 19- 21).
  • Peter, B. (2000). Ericksonsche Hypnotherapie und die Neukonstruktion des "therapeutischen Tertiums". Psychotherapie, 5, 6-21.
  • Peter, B. (2000). Hypnotische Selbstkontrolle: Die wirksame Therapie des Teufelsbanners Johann Joseph Gaßner um 1775. Hypnose und Kognition, 17(1+2), 19-34.
  • Peter, B. (2000). Zur Geschichte der Hypnose in Deutschland. Hypnose und Kognition, 17(1+2), 47-106.